Ingo Lang aus Rheinböllen über seine Rolle als Lothar Welt

Heimat 3, wie es für mich war.

Als Hunsrücker und Heimat-Fan verfolgte ich die Berichte, die über Edgar Reitz in der Zeitung zu lesen waren. Seine Bemühungen um die Finanzierung und die Realisierung der 3. und letzten Staffel der Heimat-Trilogie. In Heimat 1 durfte ich als Statist mitspielen. Als steinewerfender Jugendlicher und als Flugschüler hatte ich Spaß an der Sache gefunden und ich hegte, als die Vorbereitungen zur "Heimat 3" begannen, die leise Hoffnung man könnte vielleicht auch mich brauchen. Mein Vater hatte Bilder und Beschreibungen von Interessierten unserer Theatergruppe zusammengestellt und bei der Filmproduktion abgegeben.

Edgar Reitz und Robert Busch besuchten Hunsrücker Theatergruppen bei ihren Theateraufführungen um Leute zu "entdecken". Wir spielten in diesem Jahr unser Jubiläumsstück "Theater, nix als Theater" und hatten praktisch alle Spielerinnen und Spieler auf der Bühne. 40 Jahre studio 61 wurde gefeiert – ohne meinen Vater Arno Lang, der im Sommer starb. Häufig hatte er Kontakt zu Edgar Reitz und ist mit ihm über den Hunsrück gezogen, um das Seinige zu tun, die letzte Heimat Staffel zu realisieren. Die "Heimat 3" hätte ihm wohl sehr viel Spaß gemacht.

Zu einer dieser Aufführungen kam Helma Hammen als Vertretung für Edgar Reitz der schon fest in den Vorbereitung für den Film war und keine Zeit hatte selbst zu kommen. Helma übernahm in der Produktion das Casting der Hunsrücker Laiendarsteller und Komparsen.

Ich führte damals Regie beim unserem Stück "Theater, nix als Theater" und spielte daher selbst nicht mit. Helma saß in der 1. Reihe und machte ihre Notizen, verriet aber zu Recht nicht wen oder was sie notierte. Da wir auch ein Video dieses Stückes anfertigen ließen, bat man uns, das doch bei der Produktion abzugeben. Kurz nach Weihnachten 2001 gab ich das Video beim Forsthaus in Riesweiler ab. Gerne hätte ich mit Robert Busch oder mit Edgar Reitz gesprochen, aber die waren nicht da.

Einige Tage später im Januar 2002 rief ich bei der Produktion an um zu hören, welchen Eindruck das Video gemacht hatte und hatte Franz Bauer am Apparat, der genauso klang wie damals bei den Dreharbeiten zu Heimat 1. Wir erkannten uns nach 20 Jahren auf Anhieb. Franz Bauer war damals bei den Dreharbeiten zur Heimat 1 und in den Teilen 1 – 4 der Heimat 3, der Ausstatter. Ein bayrisches Urgestein, den jeder mochte. Doch er konnte nicht sagen, wie das Video bei Edgar oder Robert ankam.

Irgendwann Ende Januar rief mich dann Robert Busch an, um einen Termin zu machen. Wir vereinbarten, uns bei mir zu treffen, wenn möglich auch mit Birgit Nitze, ebenfalls ein Mitglied unserer Theatergruppe. Birgit Nitze befand sich gerade auf einer Urlaubsreise, was sie maßlos ärgerte, da sie ausgerechnet, an diesem Termin nicht da sein konnte. Auch sie wünschte sich sehr beim Film mitmachen zu dürfen und sah es nun als verloren an.

Es kamen Edgar Reitz und Thomas Mauch (Kameramann in den Teilen 1 – 4) Beide waren auf der Durchreise nach München. Edgar beschrieb ganz kurz den Inhalt der Folgen und die Rolle Lothar Welt für die er jemanden suchte. Lothar Welt ist Möbelfabrikant und einer der Schwiegersöhne Antons. Meine Frau und ich hätten Edgar stundenlang zuhören können, wie er so enthusiastisch, und lebendig erzählte. Das machte uns bei den Dreharbeiten auch immer besondere Freude, wenn er in den Drehpausen erzählte. Man hing an seinen Lippen und folgte seinen Erzählungen .

So schnell wie die Beiden kamen, so schnell waren sie auch schon wieder verschwunden. Das war dann für einige Zeit, das Letzte was ich hörte. Es war Mitte Februar als Helma anrief und uns, Birgit und mich zu einem Casting nach Riesweiler ins Feuerwehrhaus einlud. Danach wollte man sich entscheiden und uns benachrichtigen.

Als dann am nächsten Tag der erlösende Anruf kam, ich dürfe den Lothar Welt spielen, machte ich Luftsprünge. Die gute Nachricht, Birgit dürfe die Marlies Welt, geborene Simon spielen, durfte ich ebenfalls weiterreichen. Und so war das darstellende Paar für Marlies und Lothar Welt geboren.

Nun fieberte ich dem 1. Drehtag entgegen. Es war der 15.04.2002 und es wurde die Szene aus Teil 1 gedreht, als Hermann seinen Bruder Anton aufsucht, nachdem er gerade wieder zurück auf den Hunsrück gekommen ist. Die ganze Familie ist versammelt. Tags zuvor wurde ich angerufen, ich solle so um 9:30 Uhr im Produktionsbüro sein. Meine Kostümanprobe hatte ich einige Tage vorher schon.

Ich war gerade im Bad, als Robert anrief und mich fragte, wo ich denn sei, alle würden schon auf mich warten. Oh, gleich am ersten Tag bin ich nicht rechtzeitig da und ich hasse Unpünktlichkeit. Wie sich herausstellte hatte man mir den falschen Anfangstermin gegeben. Alle warteten tatsächlich auf mich, Gott, war mir das peinlich. So probten wir das kleine Gespräch zwischen Dieter, Hermann und Lothar. Edgar hatte auch gar nicht viel zu bemäkeln, seine Anmerkung: "Nicht Theaterspielen" sollten wir uns für die ganze Drehzeit in Erinnerung behalten. Die starke Gestik und Bewegung, die beim Theaterspielen angebracht und wichtig ist, ist beim Film, da sie überzogen und künstlich wirkt unnötig. Aber meinen Text hatte ich schön gelernt – es war ja auch nicht so viel – aber mit dem Dialekt hatte ich trotzdem ich ihn ja täglich höre meine Schwierigkeiten. Ich hatte ihn eigentlich nie richtig gelernt. Bei uns zu Hause wurde immer Hochdeutsch gesprochen. Oh je, ich war doch ziemlich aufgeregt. Die Probe war offenbar zu Edgars Zufriedenheit abgelaufen. Dann mussten alle Darsteller das Set verlassen, sich umziehen und sich schminken lassen, während die Technik für den Dreh eingestellt wurde. Die Szene wurde in mehrere kleine Stücke aufgeteilt, damit die Kamera immer andere Perspektiven machen konnte. So wurde immer ein wenig gespielt, dann die Technik für die neue Perspektive eingerichtet und das nächste Stückchen bzw. das Gleiche erst mit Proben, dann mit der Aufnahme umgesetzt.

Der erste Drehtag ging für uns mit vielen Proben zu kleinen Szenen und Pausen und schließlich den Aufzeichnungen bis zum Abend. Jetzt wussten wir, was in etwa auf uns zukommen sollte. Laut Plan sah alles so leicht aus, aber was das für ein Aufwand, das hätten wir uns nicht so vorgestellt. Es waren zwei Tage Dreh mit der kompletten Familie geplant. Zwei Tage die im Film vielleicht 3 Minuten dauern.

Unsere Tage im Sommer 2002, ich glaube es waren vier, am Günderrodehaus ließen uns wieder so richtig in die eigene Atmosphäre des Films eintauchen. Es war wunderbares Wetter und es sollte die Hauseinweihung gefeiert werden. Die ganze Familie war anwesend. Lothar und Marlies Welt kamen mit Hartmut in seinem alten Horch zum Fest. Die Ankunftsszene war eine der ersten die an diesem Tage gedreht werden sollte. Hartmut, ich rede jetzt mit Rollennamen, sollte den Weinbergsweg hoch in den Hof um die Kastanie herum fahren und vor dem Haus stehen bleiben. Die Kamera sollte diese Fahrt bis zum Stand des Wagens mitnehmen. Wir haben es gar nicht gemerkt, aber der Wagen blieben nicht stehen, so sehr sich Hartmut auch bemühte, er bekam den Wagen nicht zum stehen. Diese alten Fahrzeuge haben wohl ein Eigenleben. Das Standgas war, damit der Oldtimer nicht ausgeht, sehr hoch eingestellt und durch den starken Drehmoment zog der Wagen trotz gezogener Handbremse durch. Erst als das Auto am Haus vorbei und aus Kamerasichtweite Richtung Abhang verschwunden war, blieb er auf den Stufen nach unten stehen. Edgar war wohl etwas erschreckt. Einfach aus dem Bild gefahren. Es muss wohl allen einen Schreck eingejagt haben, schließlich ging es in diese Richtung nur Bergab Richtung Rhein. Ich glaube, die Einzige die das erst überhaupt nicht erfasste war Marlies, sie saß hinten im Wagen und grüßte freundlich.

Es waren vier schöne Tage, die zum Teil bis in den frühen Morgen gingen. Wenn man mehrere Tage dabei war, gehörte man immer deutlich merkbar mehr zum Team als in den ein oder zwei Tagen zwischendurch. Denn ab und an vergingen Wochen bis man mal wieder dran war. Eine lange Zeit, ich freute mich immer wenn Helma anrief und mit uns Termine machte. Die "Drehs" am Günderrodehaus waren schon durch die Umgebung immer sehr schön.

Die Szene "Weihnachtsessen bei Anton" ging der Szene des weihnachtlichten Kirchenbesuchs in Schabbach voraus und wurde Anfang September 2002 gedreht. Der Kirchenbesuch dann im November 2002 bevor es in die tatsächliche Weihnachts-Drehpause im Hunsrück ging. Draußen sommerlich und drinnen in der Villa Anton Weihnachten. Alles war sehr schön geschmückt. Die Familie war fein eingekleidet und traf sich zum Essen. Weihnachten im Sommer, das war schon ein schönes Erlebnis.

Als Schnäppchenjäger der Familie sollte ich mit einer Kiste Angebotssekt beim Fest erscheinen. Ich war schon sehr aufgeregt. Es verunsichert einen schon, wenn die Kamera sich so direkt auf einen konzentriert. Ob man es richtig gespielt hatte, wusste man meistens nicht so genau, da der Edgar nie oder nur sehr selten gesagt hat, dass es OK war. Aber, es hieß: "Wenn der Edgar nichts sagt, ist es schon richtig gewesen" Sollte es ja eigentlich auch, denn sonst wäre es noch einmal gemacht worden. Aber ein Zweifel blieb immer, denn die Möglichkeit die Szene dem Schnitt zu opfern blieb ja noch.

Sehr beeindruckend war auch der "Dreh" zu Antons Beerdigung, die im November 2002 in Sargenroth auf dem Friedhof inszeniert wurde. Es war fürchterlich kalt, ein eisiger Wind ließ die Beerdigungsgesellschaft frieren. Diese Beerdigungsszene gehört in den 4. Teil und war für uns so ergreifend, das die Tränen echt waren, die den meisten in den Augen oder bei anderen tatsächlich liefen. Es waren zwei Tage die mit sehr vielen Leuten gedreht wurden. Entsprechen war auch Kostüm und Maskenaufwand. Für diese Vorbereitungen wurde die Gemeindehalle in Sargenroth genutzt.

Ach, da fällt mir noch etwas Nettes ein. Die Kamera stand in Richtung Friedhofseingang. "Schnüßchen" kommt an, die Kamera schwenkt an den Trauergästen vorbei an der Friedhofmauer entlang. Ja, ich glaube die Sequenz ist es gewesen, als Edgar rief: "Was geht denn da für ein Hut"?

Alles um den Friedhof war abgesperrt, aber einer hatte sich wohl durchgemogelt und ging am Friedhof außen vorbei. Alles was wir sehen konnten war ein Hut der oben an der Mauer entlang wanderte. Sah aus wie im Comic.

Nun, ich wollte jetzt hier nicht jeden Drehtag wiedergeben, habe ich auch nicht, sondern lediglich einen kleinen Einblick geben, wie ich die Sache erlebt und empfunden habe. Es waren für mich Tage auf die ich mich immer sehr gefreut habe, die mir sehr großen Spaß gemacht haben und die ich in Erinnerung halten werde.

Über diese Drehtage haben sich Kontakte mit anderen Theatergruppen ergeben und gefestigt, die man vorher nicht hatte. Edgar hat mit diesem Film die Theatergruppen im Hunsrück näher zusammen gerückt. So gibt es immer mal wieder Treffen der Hunsrücker Beteiligten.

Ein netter Kontakt besteht bei den Darstellern der Kinder Antons (Hartmut, Dieter, Gisela, Helga und Marlies) mit ihren Partnern. Wir treffen uns alle paar Monate und freuen uns auf unser Wiedersehen.

Wir waren alle sehr gespannt auf die Premiere in Mainz, zu der wir eingeladen waren. Da stellt sich die Frage: "Wie sieht man sich im Film"? Es war schon irgendwie eigenartig sich auf der Leinwand zu sehen, aber die Unruhe die andere aus dem Darstellerteam hatten, empfand ich eigentlich nicht. Natürlich war ich gespannt darauf, was übrig geblieben ist von den Szenen in denen ich vorkam und wie es wirkte. Und ich muss mich wundern, wie viel von den Einstellungen in denen ich im Bild war und auch noch etwas sagen durfte nicht herausgeschnitten wurden. Nun, ich für meinen Teil kann sagen, das mir sehr viel Ähnlichkeiten mit mir und meinem Vater aufgefallen sind, das der Text besser zu verstehen war als ich glaubte, weil der Toningenieur bei den Aufnahmen des Öfteren nicht so begeistert schien. Den Hunsrückern wird es auffallen, dass mein Dialekt nicht perfekt ist. Aber sonst, war ich mit mir zufrieden. Sicherlich würde ich versuchen heute, nachdem ich den Film gesehen habe, das ein oder andere anders zu machen, aber es ist wie es ist und die Regie hat ja immer ein Wörtchen mitzureden und war wohl auch zufrieden.

Alles in allem stellte sich für mich die Frage: "Warum hast Du so was nicht zu Deinem Beruf gemacht"? Aber, für uns als Amateure war es etwas Besonderes, ganz anders als bei den Profis für die das alltägliches Geschäft ist.

Edgar hat einmal gesagt, er sähe uns immer so gerne, weil bei uns so die Augen glänzen. Und, ich glaube er hatte Recht

Gäbe es eine Heimat 4, wir wären wieder dabei. Mit dem gleichen Enthusiasmus und der Freude, die wir bei diesem Projekt mitgebracht haben.

Ingo Lang

 

© Ingo Lang 2005, erschienen in "Vorhang auf!" (Zeitschrift des Bundes Deutscher Amateur-Theater (BDAT)) 4/2004, S. 22-24.

Homepage der Theatergruppe Studio 61, Rheinböllen

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