Christel Schäfer aus Ellern über ihre Rolle als Lenchen Molz

Heimat 3 „Chronik einer Zeitenwende" Film in 6 Teilen von Edgar Reitz. Ich war dabei!!

von Christel Schäfer, Junge Bühne Ellern (auf  dem Bild mit dem realen Vorbild ihrer Rolle, Marga Molz, zu sehen).

Im Frühjahr 2001 ging es durch die Medien, Edgar Reitz dreht die dritte Staffel von Heimat. In diesen Filmen als Komparse mitzuwirken, oder gar eine kleine Rolle zu bekommen, wäre ein Traum. Als wir im Sommer auf dem Pütz Theater spielten, war Edgar Reitz anwesend um sich Hunsrücker Laien-Darsteller anzusehen. Im November 2001 schickten wir von der Jungen Bühne unsere Daten und jeder sei Foto an die Edgar Reitz Film ab, in der Hoffnung erhört zu werden.

Im Januar 2002 feierte ich meinen 60. Geburtstag. Anfang Februar 2002, (ich glaubte schon nicht mehr an eine Chance) wurde ich zum Kasting zu Edgar Reitz eingeladen. Ich hatte keine Vorstellung was mich bei diesem Kasting erwartet und um was es geht. Edgar Reitz begrüßte mich sehr freundlich. Er sagte mir, ich warte noch auf einen männlichen Darsteller. Dieser hieß Berthold Korner, war Schauspieler aus Freiburg. Als er eintraf, erzählte uns Edgar Reitz die Geschichte von Rudi und Lenchen, dem Gastwirt-Ehepaar aus Schabbach, wozu er heute die Darsteller zu finden hoffe.

Die Geschichte von Rudi und Lenchen ist in Wirklichkeit die Geschichte von dem Gastwirt-Ehepaar Rudi und Marga Molz aus Woppenroth.Wir mussten uns nun eine kleine Szene einprägen und Edgar Reitz vorspielen. Es klappte gut! Ich lernte meine ersten Lektionen: 1 .)Niemals in die Kamera sehen!! 2.) Nicht so laut reden wie beim Theater!! 3.) Versprecher sind erlaubt, weil Wiederholung möglich!! Wir mussten alles 3 oder 4 mal wiederholen, anschließend wurden Fotos gemacht, (ich wurde immer verspannter) wir sprachen noch über unseren Hunsrücker Dialekt und alles war mit dem Satz vorbei: „ Sie bekommen Bescheid!!" Nach mir kamen noch zwei Bewerberinnen.

Am nächsten Tag kam der Anruf von der Leiterin der Statisterie von Heimat 3 Helma Hammen. Sie sagte nur einen Satz : „SIE SIND DAS LENCHEN IN HEIMAT 3". Meine Gefühle fuhren Achterbahn!!! Ich spiele das Lenchen in Heimat 3, ich konnte mein Glück nicht fassen. Rudi wird von Berthold Korner gespielt. Wir beide hatten Edgar Reitz überzeugt, einfach toll!! Nun bekam ich einen Darsteller-Vertrag über 15 Drehtage. „ Unglaublich!!" Als nächstes wurde ich für die Rolle eingekleidet. Die Kleidung schien mir ein wenig altmodisch, aber Ich war ja nicht Ich, sondern Lenchen!!

Die Drehbücher wurden mir zugeschickt. Ich vertiefte mich in Heimat3 und meine Rolle als Lenchen. Am 12. April 2002 ging es los!! Mein erster Drehtag!! Zuerst ankleiden, dann in die Maske, dann!! Lektion Nr. 4 : Geduldig warten auf den Einsatz!! Endlich war es soweit!! Mit über 500 Komparsen wurde eine Friedensdemo mit Menschenkette gedreht. Ich war total beeindruckt welche Ruhe Edgar Reitz auch nach der 6., 7. und 8. Klappe noch ausstrahlte. Wir waren alle total durchfroren, denn auch das letzte Licht vom Abendrot musste ausgenutzt werden. (Im Film ist diese Szene sehr beeindruckend.) Ich machte mir zum ersten mal ein Bild davon, welch harte Arbeit das Team, Beleuchter, Kamera, Ton usw. leisten müssen. Bei meinem 2.und 3. Drehtag im Gasthaus Molz, (ich war nicht mehr ganz so aufgeregt) konnte ich die Spontaneität von Edgar Reitz erleben. Nachdem unser Pensum aus dem Drehbuch abgedreht war, sagte er, wir drehen noch eine kleine Szene! Er erklärte uns was er meinte! Wir formten den Text dazu ! Die Kamera und das Licht wurden eingerichtet und schon ging es los! 1. Probe, 2. Probe, wir drehen! Ton ab, Ton läuft, und Bitte!! Es klappte fast auf Anhieb. Ich habe diese spontanen Szenen, die ich sehr oft erleben durfte, ganz besonders geliebt.

Im Drehbuch ist der Dialekt nur angedeutet, Edgar Reitz gab mir viel Freiheit es in meine Worte zu fassen. Unser Hunsrücker Dialekt! Wir sprechen ihn nicht nur, wir fühlen ihn, er ist Teil unserer Lebensart. Ich finde er ist die Seele in allen Heimat Filmen, genauso wie unsere wunderschöne Landschaft. Ich denke das ist auch der Grund, warum Edgar Reitz mit Hunsrücker Amateuren arbeitet.

Vom 18. Juli bis zum 2. August 2002 wurde die Einweihung des Günderode-Hauses in Oberwesel gedreht. Dieses Haus steht wirklich am schönsten Platz über dem Rhein, es ist der eigentliche Star in Heimat 3. 10 Drehtage und einige Nächte. Fast alle Darsteller waren dafür anwesend. Nun wurde mir erst richtig bewusst, welches Glück ich habe, Lenchen sein zu dürfen. Jeder Profi-Schauspieler würde Gott weiß was tun um bei Edgar Reitz zu spielen. Und ich war dabei!! Mittlerweile war ich mit der Regiearbeit von Edgar Reitz sehr vertraut. Er war öfters angespannt! kein Wunder!! Aber manchmal gab es Momente in denen er alles vergas und uns Geschichten (Stickelcher) erzählte, dann hörten wir begeistert zu. Er ist ein wunderbarer Erzähler! Für mich waren dies Momente die schönsten.

Die Dreharbeiten waren für mich zur Freude geworden, ich setzte mich nicht mehr selber unter Druck. Edgar Reitz führte eine strenge Regie, er lobte nicht. Aber wenn er sagte, es ist gut, dann war es gut. In dieses Gefühl ließ ich mich wie in eine Hängematte fallen. Bis zum Schluß fühlte ich mich wunderbar getragen. Nach diesen zwei Wochen war ich total geschafft, aber glücklich. Ich fragte mich, wo nimmt dieser Mann und das ganze Team, die Kraft her, so hart zu arbeiten.

Als nächstes drehten wir auf dem Flugplatz Hahn, im Dom zu Ravengiersburg, das Fußballspiel des F.C. Schabbach, 2 Tage Beerdigung des Anton Simon und schließlich im November 2002 Weihnachten in Schabbach mit künstlichen Schnee. Aus 15 Drehtagen, waren jetzt schon 21 geworden und ein Ende war nicht abzusehen. Berthold und ich waren ein sehr gutes Team geworden. Im Mai 2003, der Raps blühte wunderbar, wurden vor dem Zwillingsbaum bei Schabbach die Fotos von der Goldhochzeit von Rudi und Lechen gemacht. Dieser Baum symbolisiert zwei Menschen die nach langen Jahren zu einer Krone verwachsen sind. Rudi und Lenchen verkörpern in Heimat 3 die Liebe und das Beständige in unserer schnelllebigen Zeit.
Dann stirbt Rudi, wird in der Gaststube aufgebahrt und dann beerdigt. Mit großer Trauergemeinde, Blasmusik, vielen Blumen und ich muß als Witwe Lenchen, diese furchtbare Trauer darstellen. Es hat mich sehr viel Kraft gekostet, aber ich habe es geschafft, darauf bin ich besonders stolz.
Vom 2. bis 4. Oktober 2003 wurde im Günderode-Haus Silvester 2000 gedreht. Ich war als Witwe in schwarz dabei. Am 4. Oktober 2003 um fünf Uhr morgens war mein letzter Drehtag beendet. Ich war glücklich und traurig zugleich !

Diese zwei Jahre mit insgesamt 30 Drehtagen bei Heimat 3 , mit Edgar Reitz, Berthold Korner, den Hunsrücker Amateur-Darstellern, den bekannten Schauspielern und wunderbaren Team, waren etwas ganz besonderes in meinem Leben. Ich bin froh und dankbar, dass ich das Lenchen sein durfte und wohl auch bleiben werde.

© Christel Schäfer 2005, erschienen in "Vorhang auf!" (Zeitschrift des Bundes Deutscher Amateur-Theater (BDAT)) 4/2004, S. 24-26.

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