"Kamera läuft!" "Ton ab!" "5/47b die Erste!" "Und bitte!"

Ein Wiesbadener Schauspieler bei Heimat 3

Von Benjamin Krämer-Jenster

Edgar Reitz, seine Mitarbeiter und die Schauspieler konzentrieren sich ganz auf die folgenden Sekunden und Minuten, in denen all das, was zuvor in mühseliger Kleinarbeit vorbereitet wurde, auf 35mm Film gebannt werden soll ... Für Reitz bedeutet das 35mm Filmformat immer noch die optimale Möglichkeit, seine filmischen Stoffe erzählen zu können. Der Umgang mit natürlichem und künstlichem Licht, die Auflösung der Farben und die Wirksamkeit der Tiefenschärfe durch den Einsatz der Objektive sind für den "Heimat" - Cineasten immer noch von größter Wichtigkeit. Schließlich werden seine Filme auch in den Kinos auf der ganzen Welt gezeigt. In Italien mögen sie Heimat 2, in England eher Heimat 1, zum Beispiel! Ich habe das Glück mit dem Autor, Regisseur und Produzent Edgar Reitz für Heimat 3, Folge 5, ("Follow me") [Anmerkung Th. H.: Der Titel des fünften Films wurde später in "Die Erben" verändert.] arbeiten zu dürfen. Acht Drehtage, das bedeutet für einen fest engagierten Schauspieler an einem Theater sehr viel. Und man hat das gute Gefühl, dass es zu einer produktiven Arbeit an einer, wenn auch kleinen, Rolle werden kann.

Mai 2003: In Riesweiler, im Hunsrück, warte ich auf Edgar Reitz, der mich zu einem Gespräch eingeladen hatte. Etwas mit Verspätung kommt er von Probeaufnahmen und der Suche nach geeigneten Drehorten zurück. Auf dem Kopf trägt er die obligatorische Schirmmütze des Filmregisseurs, und ich werde ihn nie anders sehen. Wir sitzen in einem der Produktionsräume und er erzählt mir viel über das Drehbuch und die Figur des Herrn "Meise", für die ich vorgeschlagen wurde! Seine Art, zu erzählen, schafft eine sehr entspannte Atmosphäre und ich fahre zurück mit der Gewissheit, in absehbarer Zeit zu Probeaufnahmen eingeladen zu werden. Eine  Woche später ist es so weit. Die Aufnahmen finden auf dem Grundstück eines Sägewerks statt, irgendwo im Hunsrück. Zwei 13 jährige Jungen, die jeweils auch für eine Hauptrolle getestet werden sollen, sind meine Partner. Reitz findet meine Angebote attraktiv, bittet sich aber noch Bedenkzeit aus. Zu viele Überlegungen in der Realisation der endgültigen Gestaltung müsse er noch mit seinen Mitarbeitern besprechen. Vierzehn Tage später bekomme ich die Zusage. Für eine Kostüm- und Maskenprobe muss ich noch zweimal nach Riesweiler kommen. Herr Delnon, der Intendant vom Mainzer Staatstheater, war unmittelbar vor mir dran zum Maß nehmen. Spielt er auch mit? Ja! Reitz verrät mir auch, dass er den Ministerpräsidenten von Rheinlandpfalz, Herrn Beck, für eine Rolle gewinnen konnte. Bei einer Maskenprobe lerne ich "Schabbach" kennen, das Filmdorf, in dem für Heimat 1 alles anfing. Der "Kirchturm" von "Schabbach" wandert (bei den Dreharbeiten) als Holzkulisse immer mit. So kann auch an weit entfernten Drehorten immer wieder der Eindruck erweckt werden, man sähe in der Entfernung den "Turm" von "Schabbach". 

15.07.03, erster Drehtag in St. Goar. Reitz und sein Team erweisen sich, selbst bei den anstrengenden Außenaufnahmen an der Uferstraße, als ausgesprochen locker und konzentriert. Die Produktionsbedingungen erlauben es dem Regisseur, chronologisch drehen zu können. So hat er noch Gestaltungsfreiheiten. Das macht auf mich den unwiderstehlichen Eindruck, als würden seine Szenen eben erst ins Leben gerufen. Er legt Wert auf die Authentizität des Schauspielers und seiner Figur.

23.07.03: Ein Aussiedlerhof auf dem Land. Der Regisseur lässt den Tag langsam angehen. Er sucht nach den geeigneten Einstellungen für die Kamera. Heute darf ich zu Beginn über ein Feld laufen, durch eine Herde von Schafen hindurch. Der Schäfer und sein Hirtenhund müssen die Herde immer wieder auf Ausgangssituation treiben. Im Hintergrund der "berühmte Turm von Schabbach."

25.07.03: Der Haupteingang des Krankenhauses in Simmern bekommt für die Dreharbeiten ein 10x1 Meter großes Schild montiert; UNIVERSITÄTSKLINIKEN MAINZ. Während der Außenaufnahmen, ich hatte die Montage nicht mitbekommen, ertappe ich mich dabei, dass ich auf diese Fälschung hereinfalle! Eine Kollegin fällt unglücklich, ein Arzt ist nicht weit, aber sie kann weiterspielen.

29.07.03: Der vierte Drehtag findet bei Oberwesel  statt. Hoch oben über dem Rheintal wurde für Heimat 3 eigens ein Fachwerkhaus gebaut. Das "Günderrodehaus." Dort findet heute im Film ein wichtiges Zusammentreffen statt. 25 verschiedene Kameraeinstellungen für eine Szene von 1,5 bis 3 Minuten.

31.07.03: Am Loreleyfelsen. Gestern wurde dort ein Flugzeugabsturz gefilmt. Heute: Großaufgebot von Polizei, Feuerwehr, THW, Statisten und der Bergwacht. Der Junge will sich im Film von einem Felsenvorsprung in die Tiefe stürzen. Die Uferstraße ist gesperrt.

01.08.03: Der Junge über dem Abgrund! Von der Bergwacht gesichert! Dramatische Szene mit Mutter und Herrn "Meise". Mit einem "Galaxy"-Stativ (17 m Länge und teilweise ferngesteuert) werden die Szenen über dem Abgrund sicher eingefangen. Es ist heiß und alle sind sehr diszipliniert, denn hier soll am Ende dieses Films einmal gezeigt werden, dass Reitz auch "klotzen kann", wie er es mir vor einigen Tagen ankündigte. Für die Aktion des Flugzeugabsturzes sei ihm eine Computersimulation zu teuer gewesen, und außerdem, so seine Einschätzung, werde sich diese Art von Kino in Deutschland nicht durchsetzen. Ein Altmeister des Kinos bestimmt hoffentlich noch eine Zeit lang, wie es gemacht werden kann! 

Siebter/Achter Drehtag: Verschoben auf September. (Ausstrahlung: Vorrausichtlich Weihnachten 2004)   

Erschienen im Wiesbadener Kurier am 28.8.2003, © Benjamin Krämer-Jenster

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